Nachbarschaftshilfe 3

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Diese Geschichte wurde von auchich am 11.01.2010 geschrieben und am 13.01.2010 veröffentlicht.

Nachbarschaftshilfe 3

Am Freitagmorgen klingelte Rico Willmer gutgelaunt bei seiner Nachbarin, kaum, dass die Kinder in der Schule waren. Unbekümmert nahm er sie in die Arme, doch sie war trotz des gestrigen Abends unsicher und versuchte ihn abzuwehren.
„Wer soll denn kommen?“, wunderte sich Rico. „Meine Kinder sind in der Schule wie deine, Katja und Fabian sind auf dem Kongress und haben gestern bestimmt nicht Halma über die Leine gespielt. Komme ich zu spät zum Duschen? Oder hast du ein schlechtes Gewissen?“
„Nein, bitte, mir ist nicht danach, ich bin nicht in Stimmung, ich weiß nicht, wie das in Zukunft gehen soll. Du musst etwas von mir erfahren, auch wenn du dann vielleicht keinen Partnertausch zwischen uns mehr möchtest. Ich bin eine Katalogfrau!“
Rico machte ein wenig geistreiches Gesicht. „Was ist eine Katalogfrau?“
In der nächsten Stunde erfuhr er die Lebensgeschichte seiner Nachbarin. Fast schutzsuchend kuschelte sie sich an ihn, während sie erst stockend, dann immer fließender erzählte.
„Ich bin in der Slowakei geboren, eigentlich in der Tschechoslowakei, die gab es damals noch. Und auch die sowjetischen Truppen. Mein Vater war russischer Ingenieur und der Armee unterstellt. Trotzdem hatte er eine Slowakin geheiratet, obwohl das nicht gern gesehen wurde. Ab 1990 änderte sich fast alles. Unser Land teilte sich, es gab plötzlich viele deutsche Fernsehsender, man konnte ins Ausland reisen. Ich wollte so gern nach Wien, es war doch von Bratislava nur eine Stunde mit dem Zug. Aber unter achtzehn Jahren bekam ich noch keinen Pass. Umso intensiver lernte ich Deutsch, von Mutti, aus dem Fernsehen, in der Schule. Ich wollte nach Deutschland! Die Leute bei uns hatten wenig Arbeit. Mein Vater kam aus Sibirien, er wollte mit uns dahin. Unvorstellbar für mich, in die Kälte dieses fremden Landes! Mutter stand hilflos zwischen uns. Mein Entschluss stand fest. Ich wollte nach Deutschland oder nach Österreich! Wir vertagten die Entscheidung. Vater ging für ein Jahr in die Erdgasfelder im Norden Russlands, um Geld zu verdienen und nach einer Wohnung zu suchen....