Diese Geschichte wurde von Pinball am 19.11.2011 geschrieben und am 23.11.2011 veröffentlicht.
Wir schreiben das Jahr 1945.
Es ist April. Das Wetter machte dem Monatsnamen alle Ehre. Regen, Sturm, und Sonne wechselten sich ab.
Völlig durchnässt kamen meine Mutter, meine beiden jüngeren Schwestern und ich in einer kleinen Hafenstadt an der Nordseeküste an. Irgendwo in dieser Gegend sollten Verwandte von uns wohnen. Die wollten wir finden.
Wir hatten den langen Weg von Breslau in Oberschlesien bis hierher unter unvorstellbar harten Bedingungen geschafft.
Der Zug mit Tausenden von Flüchtlingen brauchte 5 volle Tage und Nächte, um uns in Sicherheit zu bringen. Wir haben in Straßengräben geschlafen und uns von dem ernährt, was wir am Straßenrand fanden. Oder von dem, was uns mitleidige Bauern zusteckten. Nicht immer ohne Gegenleistung.
Meine Mutter war eine sehr schöne Frau. Auch wenn das auf den ersten Blick nicht zu erkennen war. Sie trug einen alten verschlissenen Mantel, abgewetzte Stiefel und eine Pelzmütze, die sie am Straßenrand gefunden hatte. Was sich unter ihren schäbigen Klamotten verbarg, war wohl nur für ein geübtes Auge zu erkennen.
Das wir seit Tagen auf der Flucht waren und auf diesem Weg keine Möglichkeiten hatten, uns zu waschen oder gar zu baden, schien niemanden zu stören.
Für ein großes Stück Brot, ein Stück gebratenes Fleisch oder etwas Gemüse ist meine Mutter mehr als einmal zu „Verkaufsverhandlungen” mit den Bauern in einen Stall oder eine Scheune gegangen.
Während ich mit meinen Schwestern auf dem Hof wartete, verdichtete sich in mir ein Verdacht, wie diese Verkaufsgespräche wohl abliefen. Doch meine Mutter ließ sich nie etwas anmerken, wenn sie grinsend mit dem begehrten Lebensmittel in der Hand zu uns zurück kam.
Das war jetzt erst mal alles vergessen. Wir lebten und waren in Sicherheit. Nur das war wichtig.
Unsere gesamte Habe beschränkte sich auf das, was wir am Körper trugen oder in den Händen halten konnten. Und das war beileibe nicht viel.
Unser erster Weg in dieser kleinen Stadt führte uns in die...
Um weiter zu lesen musst Du Dich Kostenlos Registrieren


